Naturgarten © K. Bader

Naturgärten - Oasen in der Siedlung

18.03.2021

Mit dem Wettbewerb «Naturgärten – kleine und grosse Paradiese» hat Pro Natura im letzten Jahr die Aufmerksamkeit auf die wertvollen Naturräume im Siedlungsraum gelenkt. Erfreut über den grossen Anklang, konnten wir im Kanton Solothurn fast 50 Naturgärten begutachten und zertifizieren! Die Gärten können zukünftig mit einer Plakette geschmückt werden, die sie als besonders wertvolle Lebensräume für Insekten, Wildtiere und Wildpflanzen auszeichnet.

Wettbewerb und Zertifizierung

Trotz der widrigen Pandemieumstände im vergangenen Jahr konnten gesamtschweizerisch über 450 Naturgärten besucht und zertifiziert werden; 47 davon im Kanton Solothurn. Die Wettbewerbsgewinner - zwei Gärten in Biel (BE) und in Root (LU) – wurden am 24. September 2020 prämiert. Die meisten Teilnehmenden schätzten es sehr, dass die Gartenbesuche und die Durchführung des Wettbewerbs möglich waren: Viele von ihnen verbrachten während des Lockdowns im Frühling unzählige Stunden im Garten und freuten sich deshalb sehr, ihr Naturparadies zeigen zu können.

Ablauf eines Gartenbesuchs

Jeder angemeldete Garten wurde von einer Fachperson besucht und in einem etwa einstündigen Gartenrundgang begutachtet. Fünf grundsätzliche Anforderungen waren Pflicht für eine Wettbewerbsteilnahme: vorwiegend einheimische Wildpflanzen, keine invasiven Neophyten, keine Verwendung von Pestiziden, Kunstdünger und Torf und die naturnahe Gestaltung von mind. 2/3 der Gartenfläche. Bei der Bewertung wurden u.a. folgende Elemente beurteilt: Welche einheimischen Tiere leben darin und wie hoch ist der Anteil einheimischer Pflanzen und Gehölze? Gibt es neben Rasen auch Wiesen oder Brachen? Sind Wildhecken, Bäume, Wasserelemente vorhanden? Sind genügend Kleinstrukturen (Asthaufen, Sandflächen, Nisthilfen etc.) zu finden?
Und schliesslich die Pflege: wird die Wiese z.B. gestaffelt und spät gemäht und die Hecke zurückhaltend geschnitten? Darf Laub auch mal liegenbleiben und Spontanvegetation spriessen?

Zertifizierung – auch weiterhin möglich

Konnte der Garten aufgrund dieser Beurteilung als besonders wertvoller Naturgarten eingestuft werden, erhielt man eine Plakette mit 1-3 Schmetterlingen. Erfreulicherweise konnten alle im Kanton Solothurn angemeldeten Naturgärten als solche zertifiziert werden- darunter riesige Naturgärten, alte Stadtgärten aber auch viele kleine Naturparadiese mitten in dicht bebauten Siedlungen. Sie alle leisten gemeinsam einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität. Als sogenannte «Trittstein-Biotope» erleichtern sie nämlich auch die Wanderung und Ausbreitung von mobilen Arten. Je näher sie zusammenliegen desto besser! Darum möchte Pro Natura Solothurn auch künftig möglichst viele Gartenbesitzer und Gartenbesitzerinnen für den Naturgarten gewinnen und bietet weiterhin Zertifizierungen an. Für Auskünfte und Anmeldungen besuchen sie unsere Webseite: https://www.pronatura-so.ch/de/naturgarten-zertifizieren.

Corinne Rutschmann, Projektleiterin Umweltbildung

Naturgärten erleben und bewerten - ein Stimmungsbericht

28. Juli 2020. Bereits in den Wochen zuvor habe ich mehrere eindrückliche Gärten in den Bezirken Thal und Gäu zertifizieren dürfen. An diesem schwülheissen Hochsommernachmittag steht die Beurteilung von zwei Gärten in Gunzgen an.

Naturerlebnis für Lausbuben

Das Haus von Familie Philipp und Yvonne Fürst-Fürst liegt am südlichen Dorfrand. Die beiden kleinen Söhne Robin und Linus scheinen sich bei der Begrüssung zu fragen, was der fremde Mann mit Schreibblock und Fotokamera wohl im Schilde führt.
Beim Betreten des Grundstücks fällt mir gleich der alte, knorrige Kirschbaum auf, ein wahres Paradies für Insekten und Vögel. Die Begeisterung der jungen Eltern, mit der sie mir vom Leben in ihrem vielfältigen Garten erzählen, ist ansteckend. Mir imponiert ihr Wille, in einem typischen Schweizer Einfamilienhausquartier mit Schottergärten und Rasenflächen einen Garten zu gestalten, der den gängigen Vorstellungen zuwiderläuft. Und Familie Fürst weiss genau, was sie tut. Ich entdecke unzählige wichtige Elemente, welche eine hohe Biodiversität garantieren. „Es wäre schön, wenn wir eine Zertifikats-Tafel von Pro Natura am Zaun montieren könnten. Nachbarn und Passanten dürfen doch wissen, dass wir mit unserer naturnahen Umgebungsgestaltung nicht ganz danebenliegen“, träumt Yvonne Fürst von einer Prämierung. Ihr Mann schiebt nach: „Sie besuchen ja dann noch den Garten meiner Mutter, da gehen Ihnen erst recht Herz und Augen auf!“
Robin und Linus dürfen sich auf grossartige Jahre freuen. Direkt vor ihrer Haustür warten unvergessliche Naturerlebnisse auf sie.

Mutters Wunderwelt

Vreni Fürst-Bader, Bäuerin und leidenschaftliche Natur- und Biogärtnerin, empfängt mich herzlich vor ihrem stattlichen alten Bauernhaus im Dorfkern. Sie stellt mir gleich ihren neuen, nach naturnahen Grundsätzen gestalteten Bauerngarten auf dem Hausplatz vor. Daneben grünt es ungezügelt zwischen den Pflastersteinen. Mehlschwalben schaffen Futter herbei für ihre Jungen in den zahlreichen Nestern unter dem ausladenden Dach.
Nach der Durchquerung der Stallungen tut sich mir eine andere Welt auf. Ich lande Knall auf Fall in einem von Leben überquellenden, trotz des fortgeschrittenen Sommers immer noch farbenprächtigen und duftenden, wilden Kosmos. Überwältigendes Schwirren, Summen, Zirpen umfängt mich. Zuerst mal tief durchatmen! Auf mehreren Dutzend (!) Aren breitet sich ein Garten aus, der alles bietet, was das kulinarische Herz begehrt: Gemüse, Obst, Beeren, Trauben, Kräuter, Gewürze, …
Halt, sollte ich nicht Naturgärten bewerten? Klar doch, ich stehe ja mitten in einem solchen: Vreni Fürst fördert eine wunderbare Verflechtung von Natur- und Nutzgarten. Resultat ist ein biologisches Gleichgewicht, in welchem Schädlingsbekämpfung ein Fremdwort ist. Auf fliessenden Übergängen zwischen den Beeten entdeckt man u. a. artenreiche Magerstandorte, Ruderalflächen, ein Weiherbiotop mit Totholz, in der Nähe das Ufer des Mittelgäubachs, Hostetten, Rebspaliere mit Steinhaufen, Fassadenbegrünungen, alles durchsetzt mit verschiedensten Stauden und Sträuchern, welche selbstredend ein Vielfaches an Tieren anlocken. Hier könnte ich mich verlieren…

Leider muss ich bereits weiter. Ich freue mich schon auf den nächsten Garten in Hägendorf, der garantiert mit neuen Überraschungen aufwarten wird!

Kurt Bader, Vorstandsmitglied

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